DER Koogschreiber 2014

 
 

Jeder

Ort hat seine ungelösten Kriminalfälle. Und das ist gut so, denn der Mensch braucht Geheimnisse, in der Metaphysik ebenso wie in der Kriminalstatistik oder in der Liebe, die heutzutage allerdings nicht mehr ganz so fein und rätselhaft anmutet wie zu ihren Glanzzeiten, da man sie wie ein Geschenk entgegennahm, von dem man, mit ein bißchen Glück, lebenslang etwas hatte. Wie gesagt, das gilt für alle Orte, die unansehnlichen wie Leverkusen-Mitte oder Pforzheim-West ebenso wie für die ansehnlichen, die dem Auge wohltun und das Herz aufgehen lassen, wie beispielsweise das Hochtal von Saig im Schwarzwald oder der kleine Fischerhafen Lohme auf Rügen. Auch Friedrichskoog an der Nordsee, das mit der etwas zu klein geratenen Werbezeile meer küst land auf sich aufmerksam macht, hat seine Geheimnisse; es sind allerdings vergleichsweise wenige, was bevorzugt daran liegen könnte, dass die Gegend dort insgesamt sehr weit und offen ist, und das Meer eine Stimmung vorgibt, in der sich jeder zweite Alarm als Fehlalarm erweist und man zur Ruhe kommt, auch wenn man vorher schon ruhig gewesen ist.


Ein ungelöster Kriminalfall, der sich in diesem gesegneten Landstrich zutrug, hatte, wenn man so will, mit Philosophie und Literatur zu tun. Sie erinnern sich vielleicht noch an den Landschreiber von Friedrichskoog– (nicht zu verwechseln mit dem sog. Koogschreiber, der erst später berufen wurde). Der Landschreiber war ein Amt, das der Förderung bekannter und weniger bekannter Autoren diente, allerdings nur ein einziges Mal besetzt werden konnte, weil der Geldgeber des Preises, ein Baron von Uexküll, im Grunde seines Wesens arg zugeknöpft war und eigentlich, wie ihm etwas zu spät einfiel, gar kein Geld geben wollte, so dass es letztlich bei dem ersten und einzigen Preisträger blieb, einem philosophierenden Literaten namens Oswald G. Baader, der, obwohl es sich bei ihm um einen entfernten Nachfahren des Philosophen Franz von Baader (1765 – 1841) handelte, bis heute keine bleibenden Spuren in der Geistesgeschichte hinterlassen hat. Insgesamt ein halbes Jahr brachte Oswald G. Baader in Friedrichskoog zu, eine eher ereignislose Zeit, in der aber doch etwas passierte, wie wir inzwischen wissen.


Baader befand sich damals auf dem Gut des Barons von Uexküll und wartete auf wärmere Tage; er fröstelte, war aber noch guten Mutes, zumal er es sich zur Maxime gemacht hatte,  in (fast) allen Lebenslagen Haltung zu bewahren und nicht vorschnell zu resignieren. Außerdem hielt er sich an eine Devise seines Kollegen Schopenhauer, die da besagt, dass man „am Wetter nicht verzweifeln“ dürfe, „solange noch ein blauer Fleck am Himmel ist“. Dennoch hätte er zugeben müssen, dass er gerne, sehr gerne woanders gewesen wäre, im heimischen Bayern etwa, in München, wo die Sonne schien und der Spaziergang im Freien eine einschmeichelnde Angelegenheit war, beileibe kein Abenteuer der naturgroben Art oder gar eine Exkursion ohne Wiederkehr. Die Nase des Philosophen, als hervorragendes Organ besonders den Stürmen ausgesetzt, hatte sich bereits rot eingefärbt; zudem tropfte sie dezent, während ihr Besitzer, in einen langen Mantel gehüllt und mit einer derben Russenkappe auf dem Kopf, seinen kleinen Gang fortsetzte, der ihn bislang kaum mehr als zweihundert Schritte vom Hauptgebäude des Uexküllschen Gutes hinweggeführt hatte. Er sah den Himmel über sich, ein Schlachtfeld, unerhört weit, über das die vom Wind versammelten Wolken zogen; nach Norden zu, dort wo es heller wurde, stieß das Land weit ins Meer vor, ein möglicherweise verführerischer Ort, wie der Philosoph dachte, dem es schon in den Sinn gekommen war, einen einzigen langen und tollkühnen Marsch dorthin zu wagen, aber dann hatte er sich doch über seinen eigenen, zuletzt sehr ungewohnten Mut lustig gemacht: Wie sollte er jenen fernen Vereinigungspunkt erreichen, wenn es ihn hier schon so mächtig schauderte, im Bannkreis des Guts, über dem nun eine kleine Rauchfahne stand, Wärme und Behaglichkeit verheißend, denn dort, im Kamin seines Wohnhauses, ließ der Hausherr heizen, ungeachtet der Jahreszeiten, die hier ohnehin allesamt unwirtlich blieben.


Der gute Uexküll. Ein freundlicher, ein guter Mensch war er zweifelsohne, wenn auch ein wenig geizig, wie es Menschen oft sind, die zuviel der irdischen Güter beiseite geschafft haben; er litt, mit anderen Worten, keinerlei Not, konnte sich Luxus, wie er in diesen schweren Zeiten noch möglich war, leisten, aber er hielt seine Besitztümer beisammen – kleingläubig und gelegentlich an einen eingebildeten Verfolgten gemahnend, der nur noch leibhaftige Verfolger sieht. Seinen Geiz, den er, wohlwollend betrachtend, eher wie eine Schrulle betrieb, ließ er, dies mußte zu seiner Ehrenrettung gesagt werden, nie und nimmer an seinen Gästen aus, die er pfleglich, ja zuvorkommend und liebenswürdig behandelte, so daß es ihnen, vom Frühstück angefangen bis hin zum späten Schlummertrunk, in der Regel an nichts fehlte. Uexkülls Geiz bekamen andere, ihm ferner Stehende, zu spüren, im besonderen Bettler, die der Baron ganz und gar nicht ausstehen konnte. „Ich gebe nichts“, pflegte er zu sagen, wenn ihm ein Bettler in die Quere kam. „Ich gebe nichts, denn ich bin ein gerecht denkender Mensch!“ Auf die Frage Baaders, was das wohl für eine merkwürdige Denkungsart wäre, die ihre Gerechtigkeit eher im Geiz denn in der Freigiebigkeit sähe, hatte der Baron geantwortet: „Das verstehen Sie ganz falsch, mein Lieber. Sie mögen sich für barmherzig halten, wenn Sie einem arbeitsscheuen Bettler etwas zustecken; ich jedoch denke, daß Sie dabei nur dumm sind, verzeihen Sie wohl, - dumm, da Sie dazu beitragen, einem sozialen Übel, und das ist die Bettlerei nun mal, Fortdauer zu verleihen. Wären hingegen alle so hartherzig wie ich, was ich indes nur gerecht nenne, dann gäbe es schon bald keine Bettler mehr, da die Mitglieder dieses Berufsstandes wegen anhaltender Erfolglosigkeit nach einer anderen, einer wirklichen Beschäftigung Ausschau halten müßten.“


Der Philosoph lächelte; er dachte daran, wie er noch versucht hatte, den Baron mit einer wohl ausgedachten Rede über die Vorzüge christlicher Nächstenliebe in Kenntnis zu setzen – vergeblich. „Lieben Sie, wen Sie wollen“, sagte Uexküll, „lieben Sie die Alten, Armen und Schwachen, lieben Sie Kinder, die Kunst und das Schöne, lieben Sie das Göttliche und das Gute, lieben Sie Ihre Frau, wenn Sie eine haben– nur die Bettler müssen Sie nicht lieben, denn die sind mühsam wandelnde Abbilder eines einträglich schlechten Gewissens!“ Baader machte kehrt, er war weit genug gegangen, fand er, um zurückkehren zu dürfen ins vorgewärmte Haus. Sein mutiger Entschluß wurde bestärkt durch den Umstand, daß mittlerweile noch kolossalere Wolken am Himmel aufgezogen waren, sackartige schwärzliche Gebilde, die sich schon bald mit sintflutartigem Regen oder gar dem allerersten Schnee des Jahres entladen würden.


Als der Philosoph auf den Haupteingang des Wohngebäudes zuging, hörte er auf einmal eine Stimme. „Mein Herr, nur eine Frage!“ Ein zerlumpter Mann unschätzbaren Alters stand neben ihm; unerfindlich, woher er gekommen sein mochte. „Wie gesagt nur eine Frage, der Herr“, sagte der Mann, der wie ein Bettler aussah, dem schon bessere Tage beschieden waren. „Sie sind doch der bekannte Philosoph Franz von Baader, aus Bayern stammend?“ „Nein“, sagte Baader. „Aber so ganz falsch liegen Sie nicht. Franz von Baader war ein entfernter Verwandter von mir, lange tot. Ich selbst heiße Oswald G. Baader, der Adelstitel ist mir abhanden gekommen, was ich indes nicht als Verlust empfinde.“ „Ihr entfernter Verwandter“, sagte der Mann, „hat einst ein bedeutendes Werk geschrieben mit dem eingängigen Titel ‚Über das dermalige Mißverhältnis der Vermögenslosen oder Proletairs zu den Vermögen besitzenden Klassen der Sozietät in betreff ihres Auskommens, sowohl in materieller als intellektueller Hinsicht, aus dem Standpunkte des Rechts betrachtet’.“ „Sie erstaunen mich!“ meinte Baader. „Vielleicht könnten Sie Ihr Erstaunen durch eine mich anerkennende milde Gabe unter Beweis stellen!?“ sagte der Mann. „Ich habe selbst nicht viel“, erwiderte der Philosoph. „Aber ein Freund, der Besitzer dieses Anwesens, wird sich Ihnen gegenüber möglicherweise erkenntlich zeigen. Kommen Sie.“ Baader nahm den Mann mit ins Haus, wo alsbald Uexküll auf der Bildfläche erschien. „Ein Bettler!“ rief der Hausherr voller Entsetzen. „Ich gebe nichts. Raus!“ „Sie sind sehr liebenswürdig“, sagte der Mann. „Möge es Ihnen ergehen wie Abraham, Isaak und Jakob!“ „Das ist ja ganz etwas Neues“, sagte Uexküll. „Ein elender Schnorrer – und höflich dazu! Er segnet mich sogar.“


„Wer spricht hier von Segen“, erwiderte der Bettler. „Ihr scheint die Bibel nicht zu kennen, elender Geizhals. Was ich Ihnen wünsche, ist, daß Sie umherirren wie Abraham, blind werden wie Isaak und hinken wie der unselige Jakob! Ich empfehle mich, meine Herren!“

Kurz darauf ist der belesene Bettler dann auf immer verschwunden. Vermisst hat ihn keiner, aber als später im Dieksanderkoog eine vom Öl unkenntlich gemachte Leiche entdeckt wurde, kamen Gerüchte auf. Sie hatten mit einem abgetauchten Nichseßhaften und dem Baron von Uexküll zu tun, der in Friedrichskoog und Umgebung kaum noch Freunde hatte. Aber auch der erste und einzige Landschreiber von Friedrichskoog, der sich inzwischen nach Bayern abgesetzt hatte, fand noch Erwähnung. So ist dieser Kriminalfall, wenn es denn überhaupt einer war, bis heute ungelöst geblieben, und keiner regt sich darüber auf. Warum auch. Es geht seinen Gang, in Friedrichskoog ebenso wie in Pforzheim-West, Leverkusen-Mitte, Saig oder Lohme.


Übrigens ist noch ein anderer, etwas bekannterer Philosoph in Friedrichskoog gewesen, der hochgewachsene, moralisch sehr integre Karl Jaspers. Er machte Urlaub, erging sich am Meer und hat dazu einige Notizen hinterlassen.     

   

„Das Meer ist die anschauliche Gegenwart des Unendlichen“, schrieb Jaspers. „Unendlich die Wellen. Immer ist alles in Bewegung, nirgends das Feste und das Ganze in der doch fühlbaren unendlichen Ordnung ... Das Wohnen, das Geborgensein ist uns unentbehrlich und wohltuend. Aber es genügt uns nicht. Es gibt das andere: Das Meer ist seine leibhaftige Gegenwart. Es befreit im Hinausgehen über die Geborgenheit, bringt dorthin, wo zwar alle Festigkeit aufhört, wir aber nicht ins Bodenlose versinken. (…) Im Umgang mit dem Meer liegt von vornherein die Stimmung des Philosophierens. Das Meer ist Gleichnis von Freiheit und Transzendenz. Es ist wie eine leibhaftige Offenbarung aus dem Grund der Dinge. Das Philosophieren wird ergriffen von der Forderung, es aushalten zu können, daß nirgends fester Boden ist, aber gerade dadurch der Grund der Dinge spricht. Das Meer stellt diese Forderung. Das ist das unheimlich Einzige des Meeres ...“


Auch Jaspers ist seither verschwunden. Das aber ist eine ganz andere Geschichte. Ungelogen.

 

Der Text 2014